Der erste Bock

Zugegeben, ich habe lange darauf gewartet, heute Abend hat es gepasst - ich habe meinen ersten Rehbock erlegt. Nach der bestanden Jagdprüfung war ich zunächst nicht fleissig genug draussen - zu wenig Zeit, aber dann. Selbst gemerkt, immer an den unmöglichsten Stellen, aber jagen lernt man auch wirklich nicht in der Schule, man muss es tun. Wind? Hat auch nicht immer gepasst, da war so vieles, das man irgendwie wissen sollte und dann doch erst rafft, wenns wirklich soweit ist.. Ich habe Böcke gesehen, die aber zu weit weg waren, oder das Gras zu hoch, oder was auch immer. 

Heute Abend hats gepasst, dabei war das eigentlich gar keine so gute Idee - ich war zu spät dran, aber irgendwie war mir nach "ab nach draussen" -  in dieser Zeit kann ich immer herrlich abschalten, ich habe immer ein Buch dabei, das ich allerdings selten lese, meinen obligatorischen Pfefferminztee hatte ich vergessen. Ach egal, ein Stündchen lesen, oder zwei und dann abbaumen. Das ist perfekt. Es war so richtig heiss, die Rehe würden sich also erst spät zeigen und wenn überhaupt, davon war ich eigentlicht fest überzeugt, wieder nur Geiss und Kitz. Den ersten Bock wollte ich eigentlich blatten. Also begann der Abend reichlich unspektakulär, ich hatte nicht einmal ein Eichhörnchen im Anblick und spielte etwas selbstvergessen mit meinem Handy herum und las ein wenig. Eigentlich verfluchte ich mich, denn in meinem langen Shirt war mir wahnsinnig heiss, aber was tut man nicht der Tarnung zuliebe und gegen Mücken - so ein Bad im Rhein, das wäre sooo viel cleverer gewesen. Aber jagen macht süchtig, besonders, wenn man immer so schönen Anblick hat, wie ich bisher immer hatte, auch wenns nie gepasst hat. 

Immer wieder hab ich mit meinem Fernglas den Waldrand abgesucht, nichts, nichts und wieder nichts. Aber dann, auch einmal, zwei braune Flecken - die beiden hatte ich nicht gehört, obwohl es so manches mal im Unterholz geknackst und geraschelt hat. Beide gleich gross... Naaa.... Da narrt mich doch wieder jemand. Fernglas hoch. Und lang angesprochen, weil ich mir erst nur die Geiss angeschaut hatte. Ein wunderschönes Tier. Dann zum zweiten Tier, ihr vermeintliches Kitz. Die Hitze konnte mir nicht gut tun, Kitze haben kein Gehörn. Aber das war da, ganz deutlich. Ich hab geschaut und geschaut, um wirklich ganz sicher zu gehen. Je länger, umso stärker klopfte mein Herz, komischerweise waren meine Hände völlig ruhig, aber mein Herz, den Herzschlag mussten die Tiere hören, aber sie blieben ruhig stehen und ästen ohne zu sichern. Waffe hoch, Anschlag, Zielfernrohr eingestellt, wie in der Jagdschule gelernt. Beim Schreiben dieser Zeilen fängt mein Herz wieder an zu klopfen. Waffe entsichert, nochmal geprüft, ob die Geiss weit genug entfernt steht, gewartet, bis der Bock wirklich ganz breit stand. 

 

In dem Moment, als mein Finger sich beugte überraschte mich der Schuss selbst, ich hatte offenbar ausgeatmet und gleichzeitig - wie im Training - den Finger gekrümmt, als der kleine rote Punkt genau auf dem Herz des Böckchens stand. Wie gelernt schaute ich gebannt auf das Tier, es lief weg, als wäre nichts gewesen, Kopf hoch - ohjemine, das hatte ich anders gelernt. Nachrepetiert, und gesehen, wie der Bock nach wenigen Sprüngen plötzlich umfiel. Danach finde mein ganzer Körper an zu zittern, alles gut, sitzen bleiben, dem Tier Zeit lassen zu sterben. So hatten wir es in der Jagdschule gelernt. Nichts regte sich, nur die Geiss stand im Wald und schreckte. Furchtbar lang, laut. Rehe sind ja Einzelgänger, aber ich bilde mir ein, dass es ein Klagelied war. Ich möchte mir das einbilden dürfen. Zitterig wie ich war schloss ich die Fenster der Kanzel , warum auch immer, und baumte ab. Ich nahm nur meine Waffe mit, mein Ziel ganz klar, zu dem Bock hin. Um mich zu entschuldigen beim Tier, um einen Moment innezuhalten. Mir ist bewusst, dass dieser Abschuss gerechtfertigt und richtig war. Trotzdem liegt dort ein Tier zu deinen Füssen. Ganz frank und frei, ich habe mehr als eine Träne vergossen, einem Tier das Leben zu nehmen sollte nichts alltägliches werden. 

 

Mit dem Mann an meiner Seite gab es natürlich das obligatorische Erlegerbild, ich habe mir überlegt, ob ich es posten möchte. Nein, ich werde es für mich behalten, es war so ein privater Augenblick, das erste Mal "Waidmannsdank" sagen und dabei die Freude des anderen spüren. Unnachahmlich. 

 

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust, das Fleisch wird wahnsinnig lecker sein, es wird wieder Platz für all die Kitze und jungen Böcke geben und  trotzdem ist es ein Individuum, dessen Leben ich durch meine Hand ausgelöscht habe. Ob ich stolz darauf bin? Nein. Stolz wäre das falsche Wort, ich freue mich, dass ich offenbar mittlerweile begreife, wie Jagd funktioniert - und doch gibt es noch so viel zu lernen. Ehrfürchtig wäre zu pathetisch. Genau wie das Bild und den Bruch werde ich die Trophäe, sprich das Gehörn dieses Bockes in Ehren halten. Ich werde ihn mir an die Wand hängen, um diesen Abend und dieses Gefühl nie zu vergessen. Ich möchte mich an den Anblick dieses Tieres auf der Wiese erinnern können, dafür steht für mich die Trophäe. 

Meine beiden Mädels waren da bedeutend schmerzbefreiter, sie haben sich ungemein über den Pansen, Herz, Milz, Nieren und Leber gefreut, schliesslich haben sie all die Stunden auf dem Ansitz brav auf mich gewartet, das war mein Dankeschön. Wenn es nach ihnen ginge, dann könnte ich morgen gleich weitermachen. 

 

Waidmannsdank. 


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