Meine erste Nacht - alleine im Wald

Das Jahr 2019 war ein spezielles Jahr, jagdlich ein Jahr der Premieren und Superlativen.

Noch nie, seitdem ich die Jagdprüfung habe, konnte ich mich so entspannt und zeitaufwändig der Jagd widmen.

Wäre mein Jagderfolg so gross wie meine Ausdauer, so könnte ich problemlos vom Handel mit Wildbret leben. Aber eben – gemessen am Aufwand, war der Ertrag eher bescheiden.

Dafür sind die Erlebnisse umso schöner!

So habe ich mich dann auch im Sommer spontan dazu entschieden, unter der Woche ins Revier zu fahren und auf Sau anzusitzen. Der Sohn eines Mitpächters hatte Ferien und war Tag und Nacht draussen.

Ich beschloss, in einem Anfall von UeberMUT, die Nacht im Wald zu verbringen.

Ich habe mein neues Auto, einen geräumigen Kombi - also heute nennt man das SUV und hat ein schlechtes Gewissen - mit einer Matratze bestückt, meinen Jagdkram eingeladen und bin losgefahren in Richtung Frankreich.

Wie immer fühlte ich mich bei der Durchfahrt des Zolls wie ein Verbrecher...

Ich habe eine Waffe mit den nötigen Papieren - alles in Ordnung also - aber das mulmige Gefühl bleibt. 

Ich habe mich im Supermarkt mit dem nötigen Proviant für die nächsten Stunden inklusive einem Fläschlein St. Emilion  eingedeckt.  Nachdem Flo und ich beim Bunker, unserer Basis, noch ein paar Würste grilliert hatten, habe ich mich auf den Weg zum Sitz gemacht.

Der Dreier ist eine kleine Kanzel an einer Kirrung im Wald. Die Schusszeiten im Wald sind wie bei uns – eine Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang. Ich habe den Wagen in der Nähe abgestellt und mich in der Kanzel eingerichtet. Die Bank ist kurz und schmal, es hat zwei Kissen. Gerade genug Platz für meine Körpergrösse. Ich sass kaum ruhig, als drei Stück Rehwild austraten und sich am Mais gütlich taten. Sie waren den ganzen Abend da und haben mir Gesellschaft geleistet. Rehe dürfen im Wald nicht geschossen werden.

 

Es wurde dunkel und dunkler – stockdunkel.

Flo, der einheimische Jäger, hatte sich am Waldrand auf einem Sitz eingerichtet, durfte von dort die ganze Nacht schiessen – bei genügend Schusslicht – was immer das heisst! Ich habe meine Schuhe ausgezogen, mich im Schlafsack eingemümmelt und eine Tasse St. Emilion genossen.

Alleine im Wald, auf einer windschiefen wackligen Kanzel mit einer morschen Leiter – da gehen einem schon Gedanken durch den Kopf. Das Revier ist Naherholungsgebiet und es hat immer mal wieder Nachtbuben unterwegs. Aber wer kommt schon auf die Idee, wenn ein Jägerauto im Wald steht, dass da eine Frau auf dem Hochsitz nächtigt? Kein Mensch…

Und Jäger auf Hochsitzen sind in der Regel bewaffnet, also nicht geeignet, zum anpöbeln! Und dann musste ich, was man halt so muss, wenn man den ganzen Tag Flüssigkeit zu sich nimmt... Schuhe anziehen, Quietschtüre aufgemacht, die morsche Leiter runter – und dann habe ich sie gehört….

Mampf mampf mampf... grunz grunz...

Ich bin sofort wieder hochgeklettert und habe mich auf der Kanzel in Sicherheit gebracht.

Hilfe, Wildschweine!

Ich muss hier anmerken, dass ich ein fürchterlicher Angsthase bin...

Nachts alleine im Wald ist kein Problem – ausser, wenn es Wildschweine in der Nähe haben könnte.

Ich habe einfach einen Riesenrespeckt vor diesen Tieren. 

Die Wärmebildkamera darf auch in Frankreich nicht zu Jagdzwecken eingesetzt werden. Alleine auf der Kanzel, mitten in der Nacht, war es für mich damit wie Kino.

Ich habe den Schweinchen lange zugeschaut. Eine Maus verirrte sich auf den Futterplatz, mitten unter die Frischlinge. Schwupps, stoben sie plötzlich auseinander und kamen zögerlich wieder zurück.

Die Maus fand es wohl angesagter, den Platz zu räumen. Ich musste schmunzeln und habe den Anblick genossen. 

 

Irgendwann bin ich dann trotz unbequemem Liegeplatz wohl eingeschlafen. Ich erwachte erst, als es bereits hell war und die Kirrung einsam und verlassen und ziemlich leergefressen vor mir lag. 

 

Kaffee und Croissant waren die grösste Verlockung und so baumte ich ab mit meinem ganzen Kram und fuhr zurück zum Bunker. Die Lebensgeister erweckenden Köstlichkeiten standen schon bereit für mich. 

 

Flo hatte in der Nacht zwei Ueberläufer erlegt, jeweils geborgen und zum Bunker gebracht. Dort hatte er sie aufgebrochen und im kühlen Keller aufgehängt.

Ich habe keinen Schuss gehört, seelig geschlafen. 

Meine Erkenntnis: Mit genügend Mückenspray und Wein lässt es sich durchaus gut nächtigen im Wald.

Angst brauche ich keine zu haben, bloss den nötigen Respekt!

Und wir dürfen nie einer alleine draussen bleiben – so ist die Regel im Revier. Meine nächste Nacht habe ich übrigens wegen einem aufziehenden Gewitter im Auto verbracht – auf einem Feldweg mitten in einem im Sturm wogenden Maisfeld.

Ich habe es so sehr genossen!