In stiller Nähe - die Bogenjagd

© Story by Artemis

 

Bei einigen Graden unter null und zudem in einem im Schatten liegenden Waldstück, sind wir sonntags gerade zu dritt mit unseren Bögen unterwegs und stehen frierend angepirscht bei einer scheinbar langsam ziehenden Gams mit erhobenem Haupt.

Praktisch bewegungslos stehen wir da, nur der Arm des Schützen zieht die dünne Bogensehne langsam zurück und schon zischt der Pfeil durch die eiskalte Luft.

Perfekter Treffer!

Aber die Gams fällt nicht um...?

Lachend gehen wir zum 3D-Tier und ziehen den Pfeil aus dem Schaumstoff. Es ist keine echte Jagd, aber ein perfektes Training dafür…

So sind wir bereit, wenn es wirklich zur Jagd losgeht.

 

Ganz unumstritten ist sie nicht, die Bogenjagd. Die Debatte ist von zwei gegensätzlichen Standpunkten geprägt: Die eine Seite lobt eine stressarme Tötung, die andere hat Bedenken bezüglich des Tierschutzes und sieht auch Wilderer im Vorteil. Wie das Für und Wider genau lautet, was dich bei der Bogenjagd erwartet und wie die Lage in der DACH-Region aussieht, erfährst du hier.

Verbotene Jagdform mit langer Tradition

Für Jahrtausende war die Bogenjagd eine der verlässlichsten Methoden der Nahrungsbeschaffung. Mit dem Aufkommen von Schiesspulver haben Gewehre den Pfeil und Bogen abgelöst, seit einigen Jahren aber lebt das Interesse an der Bogenjagd wieder auf.

Im Sportbereich hat sich das uralte Schiessgerät schon lange etabliert – in hochmoderner, weiterentwickelter Form. Es gibt heute viele unterschiedliche Bogenformen, klassische Bögen, die noch so aussehen, wie auf den Höhlenbildern und solche, deren Sehnen und Kabel über Rollen gelenkt werden.

 

Während in einigen Ländern die Bogenjagd nie verboten wurde, ist sie in anderen mittlerweile wieder zugelassen. In der Schweiz, Österreich und Deutschland bleibt sie illegal. Dennoch kannst du dich hierzulande darin ausbilden lassen und sogar einen international gültigen Bogenjagdschein erwerben. Der erlaubt es dir, in anderen Ländern mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch zu gehen. Informiere dich aber unbedingt vorher über die genauen gesetzlichen Bestimmungen der jeweiligen Region. Was auf jeden Fall erlaubt ist, ist die Jagd auf die Schaumstofftiere, wie wir sie regelmässig ausüben, um auf die Jagd vorbereitet zu sein.

Der sogenannte 3D-Parcour. Nur werden hier statt der rasiermesserscharfen Klingenspitzen, die herkömmlichen Sportspitzen verwendet.

Ein anderes Jagdgefühl: Was die Bogenjagd auszeichnet

Einer der grössten Unterschiede zur Büchsenjagd ist die enorm verringerte Schussdistanz, denn ein Pfeil ist weder so schnell wie eine Kugel noch fliegt er so weit.

Dadurch musst du sehr viel näher an das Tier heran, um es sicher zu treffen. Konsens ist eine Entfernung von maximal 25 Meter. Ein erfahrener Flintenjäger weiss, wie nahe das ist und welch eine Disziplin und Geduld für die Bogenjagd dadurch erforderlich ist. Beim Bogen muss man allerdings unbedingt auf einen Pfeilfang hinter dem Tier achten, denn die Pfeile fliegen erstaunlich weit. Der richtige Schusswinkel und eine hohe Pfeilgeschwindigkeit vorausgesetzt, kann beim Compound-Bogen eine Gefahrenweite von bis zu einem Kilometer bedeuten! Unbeteiligte Menschen und Tiere könnten somit ernsthaft verletzt werden.

 

Während du auch mit dem Gewehr selbstverständlich regelmässig üben solltest, gilt das für die Bogenjagd umso mehr. Deine Treffsicherheit ist Garant für eine waidgerechte Tötung!

Die Bogenschützen vom Schweizer Jagdblog, die sich in den Kopf gesetzt haben, auf Bogenjagd zu gehen, trainieren mehrmals pro Woche. Unsere Compound-Schützen Alica und Dänu haben in ihrem Keller sogar einen eigenen Schiesskeller eingerichtet, um auch im Winter möglichst täglich trainieren zu können. 

Jetzt wird’s persönlich – die richtige Ausrüstung

Moderne Jagdbögen sind echte Leichtgewichte, robust und erleichtern dir das Schiessen erheblich. Du kannst sie mit allem nur erdenklichen Zubehör ausstatten, etwa Zielfernrohr (bei Armbrüsten), automatisch errechneten Pins für Compounds, Sehnendämpfer oder Pfeilauflage. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen! Beliebt sind unter Bogenjägerinnen und -jägern vor allem Compoundbögen. Ein futuristisch anmutendes Rollensystem nutzt die Flaschenzugwirkung, um den Pfeilen mehr Energie bei weniger Kraftaufwand zu schenken. Im Vollauszug wird somit das ursprüngliche Zuggewicht des Bogens um bis zu 60% reduziert, was ein ruhigeres Zielen ermöglicht. Die Pfeile bestehen aus Carbon oder Aluminium, die Jagdspitzen wiederum aus metallenen, rasiermesserscharfen Klingen.

 

Deine Bogenjagdausrüstung ist eine sehr persönliche Angelegenheit – denn sie muss hundertprozentig zu dir passen. Körperbau, Muskelkraft und das zu jagende Wild bestimmen die Eigenschaften von Pfeil und Bogen. Für Einsteiger können all die Daten und Zahlen, die zum Equipment gehören, reichlich verwirrend sein. Darum scheu dich nicht und lass dich von Bogenprofis aus dem Fachhandel beraten, zum Beispiel auf bogensportwelt.de

Pro und kontra: Was spricht für und gegen die Bogenjagd?

Im Zentrum der Debatte rund um die Bogenjagd steht der Tierschutz. Gegner bezweifeln, dass ein Pfeil das Tier waidgerecht erlegen kann, und bemängeln das höhere Risiko für einen Fehlschuss, der das Wild verletzt, anstatt es zu töten. Verständlicherweise – denn wer nicht in der Lage ist, nah genug an das Tier heranzukommen und nicht über ausreichend Bogentraining verfügt, stellt aus Tierschutzsicht tatsächlich ein unnötiges Risiko dar. Dies ist allerdings auch beim Büchsenschuss der Fall, wer nicht regelmässig mit Flinte und Büchse übt, erhöht das Risiko eines Fehlschusses erheblich.

  

Das Ziel des Schweizer Bogenjagdverbandes ist allerdings, dass nur entsprechend ausgebildete und zugelassene Bogenjäger mit dem traditionsreichen Schiessgerät auf die Jagd gehen dürfen. Zudem soll die Bogenjagd die Büchsenjagd lediglich ergänzen und nicht ablösen. Der Verband argumentiert, dass bei einem korrekten Treffer die schneidende Pfeilspitze sogar schmerzfreier ist als eine Gewehrkugel. Der Erfahrung von Bogenjägern nach, sterben die Tiere ebenfalls innerhalb von Sekunden – ganz ohne den Schockmoment eines lauten Knalls. Der Gefährdungsbereich ist zudem kleiner, was den Bogen in urbanen Gebieten vorteilhafter machen kann.

Viele Studien zur Bogenjagd gibt es leider noch nicht. Eine spannende statistische Auswertung in Dänemark vom dänischen Bogenjägerverband belegt zumindest, dass die Verwundungsrate bei der Bogenjagd auf Rehwild genauso hoch ist wie bei der Büchsenjagd (rund 5 %) – ein positives Zeichen.

Wir werden euch weiter von unseren Erlebnissen und der Vorbereitung auf die Bogenjagd berichten.